Draghi rettet Banken, nicht Staaten

Es wird, man muss es so sagen, eine Menge Unsinn über die Entscheidung von Mario Draghi, geschrieben (siehe z.B. Spiegel Ticker). Die Europäische Zentralbank (EZB) wird 15 Monate lang Staatsanleihen kaufen. Sehen wir uns die Behauptungen an:

  1. Es wird behauptet, die Europäische Zentralbank (EZB) würde im großen Stil Staatsanleihen kaufen und damit den Staaten helfen. Tatsächlich wird sie  von März 2015 bis Sept. 2016 monatlich für 60 Milliarden Euro von Banken kaufen. Das bedeutet, dass die Staaten sich nach wie vor teuer am Geldmarkt finanzieren müssen, während Banken neue sichere Abnehmer für ihre Staatsanleihen haben und alles abgeben können, was sie nicht mehr haben wollen.
    Was haben die Staaten davon? Nicht viel, immerhin werden sie ab da Zinsen an die Zentralbank zahlen statt an Privatbanken und evtl. sinkt der Zinssatz dadurch etwas.
  2. Draghi behauptet, damit der Deflation entgegenwirken zu wollen. Es ist aber empirisch bewiesen, dass im aktuellen System „Inflation und Deflation keine monetären Phänomene sind, sondern in der Regel durch Über- und Unterschießen der Löhne über die Produktivität entstehen“ [Flassbeck-Economics].
    Das bedeutet: das angestrebte Ziel wird dadurch nicht erreicht werden.
    Möglich ist nur der Seiteneffekt, dass durch das „Quantitative Easing“ der Euro abgewertet wird und dadurch Artikel die in Fremdwährung gehandelt werden teurer werden. Das wären Öl, Computer (Dollar), Elektronik (Yen dominierend) usw.
  3. Das Groß der Presse und viele Wissenschaftler der alten Schule schüren die Angst vor Inflation. Sie behaupten, dass durch die EZB-Milliarden eine Gefahr der Hyperinflation besteht. Das ist aber irrational (s.a. Flassbeck), denn:
  4. Die Tabuisierung der Staatsfinanzierung durch die Zentralbank ist zurückzuführen auf die Ereignisse in der Weimarer Republik 1914-1923. Damals versuchte die Regierung u.a. über Geldherausgabe die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden. Das konnte nicht funktionieren, weil Deutschland Reparationszahlungen in den Währungen der Alliierten zahlen musste. Zudem leistete De Reparationszahlungen auch in Gütern, was dazu führte, dass sich kein Exportüberschuss einstellen konnte. Es kam dann 1923, zusätzlich bedingt durch Generalstreiks v.a. im Elsass und den so verursachten Einbruch des Warenangebots zur Hyperinflation. Und davor haben jetzt viele Angst. Das ist aber völlig irrational, denn das damals war durch einmalige Umstände geprägt.
    Eine Inflation kommt dann zustande, wenn Geldmengen emittiert werden, die keine Kaufkraftdeckung haben.
  5. Wenn die EZB Staatsanleihen kauft, ist die Frage: von wem. Kauft sie sie von den Banken, geht das Geld nicht in Nachfrage sondern in den Kreislauf der Geldanlage. Nur, wenn sie sie direkt von den Staaten kaufen würde und das Volumen über die Zinsabflüsse hinaus ginge, würde über Staatsausgaben ein möglicher Inflationseffekt verursacht. Das Geld geht aber nicht in inflationswirksamen Konsum sondern in den Finanzkreislauf.
  6. Der Spiegel behauptet, das Geld fließe in die Wirtschaft und würde dort Nachfrage erzeugen [Spiegel]. Tatsächlich bekommt die verkaufenden Bank eine Gutschrift auf ihrem Konto bei der Zentralbank. Da daran aber schon lange kein Mangel besteht, wird das die Kreditvergabe der Banken nicht steigern. Auch wird davon nichts in die Realwirtschaft investiert werden, es werden davon Anlagen gekauft werden.
  7. Folglich werden dadurch die Aktienkurse steigen, nicht aber der Konsum. Das bedeutet gleichzeitig, dass die besonders Vermögenden dadurch noch mehr Vermögen haben und das Vermögen und Einkommen der anderen 90% dadurch relativ entwertet werden.
  8. Auch behauptet der Spiegel, über die Aktienkäufe würden die Unternehmen Geld für die realwirtschaftliche Investition bekommen. Da fehlt schon das grundsätzliche Verständnis der Börse. Denn das Geld, das in Aktien geht, geht direkt zum Verkäufer des Vorbesitzers, das Unternehmen erhält davon keinen Cent. Es kann lediglich durch seinen so gesteigerten Wert mehr Kredit aufnehmen oder sporadisch neue Aktien emittieren, um davon zu profitieren.
  9. z.B. Werner Sinn behauptet, für die Käufe der EZB würde der Steuerzahler haften. Auch das stimmt nicht, die Zentralbank kann weder bankrott gehen noch muss sie Verluste an irgendjemand weiterreichen, siehe z.B. Interview mit Prof. Richard Werner. http://blogs.faz.net/fazit/2014/10/15/oekonomen-im-gespraech-8-richard-werner-darueber-warum-die-kreditkaeufe-der-ezb-sinnvoll-sind-4794/
  10. Die von der EZB ausgeschütteten Gelder werden aber die existierenden Geldvermögen relativ entwerten, wenn sie die Anleihen über Marktwert kauft. Und das muss sie, damit Banken sie überhaupt verkaufen. Sie werden zudem v.a. Schrottpapiere an die EZB abgeben.

Was die EZB also tut ist in dem Maß und der Art Staatsanleihen aufkaufen, dass damit die Zinszahlungen der Staaten aufrecht erhalten und ausgeweitet werden können. Effekt auf das Inflationsziel: Null. Effekt auf die Banken: Alles kann bleiben wie es ist, die Quelle sprudelt. Effekt auf die Ungleichverteilung: Turbo.

Was machen die Banken mit dem Geld?

Was machen eigentlich die Banken mit dem Zentralbankgeld, das sie durch den Verkauf ihrer Staatsanleihen erhalten?

  • Lassen sie es bei der ZB auf dem „Konto“ kann es sein, dass sie Strafzins zahlen müssen (Negativzins der EZB).
  • Einen Mangel an ZB-Geld haben sie ja schon lange nicht mehr, also wird es die Kreditvergabe nicht befeuern. Die Kreditvergabe ist wesentlich durch die Kreditwürdigkeit und die Kreditnachfrage limitiert und die wird dadurch nicht besser.
  • In Bargeld umtauschen und in Umlauf bringen. Aber da müsste ja auch jemand massiv Bargeld nachfragen, was nicht der Fall ist.
  • Damit Schulden bei anderen Banken bezahlen. Aber was macht dann die andere Bank mit dem noch mehr ZB-Geld? Sie zahlt Negativzinsen.
  • Damit Aktien und andere Wertpapiere kaufen. Das scheint die Hauptsache zu sein, es gibt z.B. eine sehr deutliche Korrelation S&P Index mit dem Quantitaive Easing.
    Wenn eine Bank Aktien kauft, dann kauft sie diese nicht bei Unternehmen sondern bei anderen Banken (Vorbesitzer). Das ist einer der unreflektierten Punkte in weiten Teilen der Presse. Viele meinen, Unternehmen würden von Aktienkäufen profitieren, das tun sie aber nicht, nur ein mal bei der Erstemission.
  • Jedoch: Kauft eine Bank bei der anderen Bank hat ebenfalls diese dann die ZB-Geld-Menge und zahlt Strafzins.
  • Verschwinden würde Zentralbank-Geld nur, wenn sie damit ihre an die ZB verkauften/ verliehenen Anlagen zurückkaufen würden. Das wäre auch keine schlechte Sache, die Bank verkauft Schrottanleihen zum Nominalpreis an die EZB und kauf sich dann ihre „voll“Wertpapiere oder Goldeinlagen zurück.
  • Staatsvermögen kaufen. Da der Staat seine Konten bei der Zentralbank führt, kann man mit dem neuen Zentralbankgeld auch z.B. Sacheigentum von öffentlichen Haushalten kaufen und damit die Privatisierung beschleunigen.

Was müsste die EZB tun?

Was Draghi tun müsste: In der Art und dem Ausmaß Staatsanleihen kaufen, dass die Zinszahlungen der Staaten Stück für Stück sinken und wieder staatliche Investitionen stattfinden. Effekt: Beenden der Staatskrise, leicht steigend Inflation weil dann „konsumwirksam“. Effekt auf die Banken: Reduktion von Umsatz und Gewinn. Deshalb smacht ein Programm Sinn, das eine Alternative zu Staatsanleihen darstellt und den Krisenregionen ganz real hilft (z.B. ähnlich einer KfW, Kreditanstalt für Wiederaufbau).

Würde die EZB (Europäische Zentralbank) mindestens einen Teil der Staatsanleihen der Krisenstaaten direkt aufkaufen und die Zinsen die aus ihnen resultieren für Aufbauprogramme in Griechenland verwenden, würde das Land eine Chance haben, wieder wachsenden Wohlstand zu generieren. Es ist empirisch erwiesen, dass staatliche Investitionen (im aktuegllen Zustand) mit ca. Faktor 1,5 positiv auf das Bruttoinlandsprodukt wirken.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht muss der Staat die Nachfragelücke schließen, die durch Sparen entsteht. Ebenso muss er einen Teil der Schulden tragen, solange 100% des Geldvermögens eine Schuldentsprechung hat. Es macht, wenn man diesen Zusammenhang kennt, absolut Sinn, diese Schuldentsprechung für den Staat aufzulösen. Das bedeutet, eine direkte Staatsfinanzierung durch die EZB macht Sinn, solange sie sinnvoll reglementiert wird.
Würde die EZB alle Staatsanleihen aufkaufen, kämen viele Länder aus der Schuldenfalle raus, weil die Zinszahlungen aus dem Haushalt entfallen, das sind in Deutschland derzeit rund 63 Milliarden Euro. Jeder Staat, der einen Primärüberschuss hat, wird dann seine Schulden abbauen können.
Da Staatsanleihen hinter der Verzinsung für private Renten steckt, braucht man ein Alternativkonzept, wie diese Gelder verwendet werden können. Dazu siehe:
This entry was posted in Aktuelles, Finanzkrise, Schulden, Schuldenkrise and tagged , , , , , on by .

About CU_Mayer

Über den Autor Nach Beginn im kaufmännischen Zweig studierte Dipl.-Ing. (FH) Christoph Ulrich Mayer, geboren 1968 in Krumbach (Schwaben), Nachrichtentechnik. Er arbeitete mehrere Jahre als Ingenieur und Projektleiter, bevor er sich 2001 mit Ingenieur-Dienstleistung, Unternehmensberatung & Coaching selbständig machte. Seit ca. 15 Jahren arbeitet er als Systemischer Coach. In dieser Zeit lernte er die unterschiedlichsten Denkweisen und Wertesysteme, auch anderer Kulturen, kennen und entwickelte somit einen Weitblick für gesellschaftliche Zusammenhänge. Durch die Beratungsarbeit in Unternehmen kennt er zudem viele Hintergründe, die die Wirtschaftsprozesse besser verstehbar machen. In jahrelanger intensiver Arbeit verfasste er das Buch "Goodbye Wahnsinn - vom Kapitulismus und Kommunismus zum menschenGerechten Wirtschaftssystem". Auf unorthodoxe Weise setzt er sich mit Lehren von Adam Smith bis Karl Marx und mit Sichtweisen von Norbert Blüm bis Sarah Wagenknecht auseinander. Sein Anliegen ist, mit seinen Erkenntnissen und Lösungen zu zeigen, dass wir eine bessere - eine nachhaltigere - Zukunft wählen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.