Flüchtlingsströme – ein deutliches Signal zum Umdenken

Täglich kommen derzeit tausende Flüchtlinge in Europa, z.B. auf dem Münchner Hauptbahnhof an. Es ist zwar schön zu sehen, dass jetzt endlich eine Art Willkommenskultur sichtbar wird. Doch den Ankommenden zuzuwinken ist einfach. Was danach folgt, wird noch eine sehr große Herausforderung.

Natürlicher Willkommensprozess

Nehmen wir An, Sie und ich würden zusammen mit 8 anderen einen Bauernhof betreiben und es kämen ein oder zwei Fremde an, die uns um Hilfe bitten. Dann würden wir wahrscheinlich sagen: Ja, wir helfen Euch. Doch wir haben keine Zimmer für Euch, Ihr müsst erst einmal in einer Notbehausung übernachten. Dann würden wir miteinander reden und ein Gefühl dafür bekommen, ob sie wirklich Hilfe brauchen und ob sie länger bleiben wollen und können, als eine Übernachtung.

Dann würden wir sagen: Also gut, Ihr könnt bleiben. Doch Ihr müsst mit anpacken. Lasst uns gemeinsam eine richtige Unterkunft bauen, z.B. einen Anbau mit entsprechenden Zimmern. Und wir können Euch nicht durchfüttern, Ihr müsst auch beim Anbau, der Tierbetreuung usw. mit anpacken. Menschen, die händeringend Zuflucht oder eine Zukunftsperspektive suchen, werden dazu nicht nein sagen.

Am Anfang werden wir die „Neuen“ nicht in unserem Haus leben lassen, denn wir haben keine Vertrauensbasis. Sie kommen von weit her, wir wissen nichts über deren Vergangenheit und wenig über deren Kultur, Werte und Gewohnheiten. Es wird immer wieder Konflikte und Lernen bezüglich anderer Werte und Lebensweisen geben und mit der Zeit wird ein Vertrauen entstehen, dass dann die Basis für ein gleichgestelltes Zusammenleben darstellt. Ab da werden wir eine Gemeinschaft mit 11 bzw. 12 Menschen sein.

Am Anfang werden wir ihnen sehr vieles zeigen und lehren müssen, einschließlich unserer Sprache und wir werden auch von ihnen lernen. Nach ein bis zwei Jahren werden sie jedoch mindestens so viel einbringen, wie sie in Anspruch nehmen.

Auf Europa bezogen

Jeder Mensch, der zu uns kommt, nimmt etwas und bringt etwas ein. Solange das Einbringen gefördert und gefordert wird, ist kein Flüchtling ein Problem für die Volkswirtschaft oder die Staatskasse. Und solange diese „neuen Menschen“ auch Geld für Konsum ausgeben, steigt die Nachfrage, es gibt also gleichzeitig auch mehr Arbeit – also kein Problem damit, dass sie Arbeitsplätze wegnehmen würden.

In Deutschland werden Flüchtlinge erst einmal in Auffanglagern kaserniert und dort oft 3 Monate und mehr genötigt, nichts zu tun. Sie bekommen keine Arbeit, können sich nicht einbringen. Sie bekommen Kleidung und andere Dinge, von denen sie nicht zuordnen können, woher sie kommen. Sie sind meist nicht gewohnt, überhaupt etwas geschenkt zu bekommen oder gar einen Anspruch auf so etwas zu haben. Kontakt zu Menschen des Landes bekommen sie aber nicht. Willkommen fühlen sie sich auch nicht und sie werden von Anfang an demotiviert.

Warum lässt man die Hilfesuchenden nicht dabei helfen, neue Unterkünfte zu bauen, für die Gemeinschaft zu kochen usw.? Diese Menschen sind vor Unrecht und Gewalt geflüchtet, aber sie sind nicht als Solches schwach, sie sind zu 90% in der Lage, mitzuhelfen, körperliche und geistige Arbeit zu leisten. Über das Leisten wächst Integration und Selbstbewusstsein der Hilfesuchenden. Während sie lernen, wie sie z.B. beim Bauen helfen können, lernen sie gleichzeitig und erwerben, wenn man es richtig anstellt auch gleich ein Stück berufliche Qualifikation.

Ich glaube, dass man Menschen am meisten dient, indem man sie sich mit etwas edlem beschäftigen lässt.

Albert Einstein

Probleme

Flüchstlingsströme - kein neues Phänomen

Flucht der Murer, Bild: WikiCommons

Es gibt aber auch Probleme, die nicht so leicht bewältigt werden können. zunächst müssen Einrichtungen geschaffen werden, die das Lernen der Sprache für so viele Menschen ermöglicht. Und woher sollen die „Lehrer“ alle kommen, die nicht nur Deutsch sondern auch die jeweiligen Landessprachen beherrschen?

Die Menschen, die hier ankommen, kommen größtenteils aus völlig anderen Kulturkreisen und Wertegemeinschaften. Sie müssen die westliche Werte, über die wir uns selbst nicht einmal ganz klar und einig sind, lernen und respektieren. Dazu braucht es auch ein Konzept, sonst sind Konflikte und Fehlverhalten vorprogrammiert.

Ein Farbiger aus Ägypten hat mir einmal erzählt, dort kann es passieren, dass am heiligen Freitag Katzen (Verkörperung der früheren Religion dort) erschossen werden oder wer mit einer Bierflasche in der Hand erwischt wird, dem werde die Hand abgehackt. Für einen Moslem mag es auch eine ständige Provokation sein, wenn er anderen dabei zusieht, wie sie Schweinefleisch essen, Alkohol trinken oder Frauen ohne Verschleierung spazieren gehen.

In vielen der Kulturen werden Frauen als minderwertig angesehen und z.B. Betreuerinnen werden nicht ernst genommen, Bitten und Anweisungen ignoriert. Die Schwelle für Gewalt ist oft viel niedrige als bei uns, ein Verständnis für unser Rechtssystem und -empfinden kann oft auch nicht vorhanden sein.

Jeder, der hier ankommt muss auch über unsere Werte und unser Verständnis von Menschenrechten und verbundenem Verhaltenskodex aufgeklärt werden und sich dazu bekennen, diese zu respektieren. Wer das nicht tut, der kann in unserer Gesellschaft auch nicht aufgenommen werden. Ist das ungerecht? Nein. Wir erinnern uns an unseren Bauernhof. Wir können auf Dauer mit niemand zusammenleben, zu dem kein Vertrauensverhältnis besteht. Er hat die Wahl, sich Werten und Regeln zu unterwerfen, wie jeder andere dieser Gemeinschaft auch, oder sich eine andere zu suchen. Wenn er wirklich Hilfe braucht, wird er sich dazu bekennen und sich bemühen.

Es ist aber auch notwendig, dass wir selbst wieder darüber reden und uns Klarheit und Einigkeit darüber verschaffen, was eigentlich unsere Werte sind. Denn wir sagen, Menschenwürde, Nächstenliebe, Freundschaft, Gerechtigkeit, Freiheit usw. sind unsere Werte. (hier an der Umfrage über Werte teilnehmen und die Ergebnisse ansehen) Aber tatsächlich dominieren Macht, Kontrolle, Profitstreben, quantitatives Wachstum usw. Diese Dialoge müssen geführt werden.

Ursachen der Flüchtlingsströme

  1. Zerstörung der Gesellschaftsstrukturen in den arabischen Ländern. Die sinnlosen Kriege der USA gegen Afghanistan und Irak haben dort die Staatsstruktur zerstört und nicht zu einem neuen Staat sondern in großen Gebieten zur Anarchie geführt. In der „post-governmental-area“ herrschen Clans mit Waffengewalt, bekriegen sich gegenseitig. Der angebliche Krieg gegen den Terror hat eine unglaubliche Menge an Terroristen geschaffen. Der IS ist nun die vorherrschende Macht in diesen Ländern. So wird den Menschen dort jede Perspektive geraubt. Wirtschaftlich kann kein Wohlstand entstehen, wenn alles was man aufbaut geraubt und zerstört wird. Und wer jeden Tag um sein Leben fürchten muss, der verlässt auch irgendwann seine Heimat. Sicher, in Syrien war nicht eine Militäraktion der USA an den jetzigen Zuständen schuld. Jedoch liefern Deutschland, USA usw. Waffen in diese Regionen und helfen auch nicht der Bevölkerung.
    Der Westen müsste dafür sorgen, dass diese Menschen in ihren Ländern wieder Zukunftsperspektiven haben. Das wäre die richtige Politik.
  2. Systematische Unterdrückung von Staaten. Letztlich wird durch das Weltwährungssystem, das 1944 beschlossen wurde ein kapitalistisches Weltwirtschaftssystem vorgegeben. Alles Staaten der Welt haben die Wahl, ob sie daran teilnehmen wollen oder nicht, nehmen sie aber nicht teil, können sie auch keinen Handel mit anderen betreiben. Wie dieses System zur Spaltung in arme und reiche Länder führt, habe ich bereits im Artikel Das wahre Geheimnis hinter Chinas Wirtschaftmacht und Afrikas Armut beschrieben. Durch diese Ungerechtigkeiten entstehen dann Radikalisierung und Kriege. Nicht die Religionen sind die wahre Ursache der Aggressionen gegen den Westen sondern die Armut und Perspektivlosigkeit dort ist die Ursache Nr. 1 für Krieg und Terror.
    Wir brauchen ein Weltwährungssystem, das zu ausgeglichenen Handelsbilanzen führt und durch das Schuldner UND Gläubiger für eine Lösung zur Verantwortung gezogen werden, so es wie im Konzept „Bankor“ schon 1944 vorgeschlagen wurde. So entsteht WELTWEITER Wohlstand und nicht lokaler Reichtum bei gleichzeitig weiten Regionen der Armut.
  3. Falsche Globalisierung durch den „Washingtoner Konsens“ (siehe Artikel über die „Turbo-Globalisierung“ auf dem Blog von Prof. Flassbeck). Die  neoklassichen Annahmen über Wirtschaft, die nebenbei bemerkt in Minutenschnelle widerlegbar sind, haben zu falschen Ansätzen in der Regelung des Welthandels und zu falschen politischen Maßnahmen in den Schwellenländern geführt. „Freie Kapitalmärkte, Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, Deregulierung, tiefe Löhne, Privatisierung und Sparprogramme des Staates.“ sollen Anreiz für Investoren geben, doch sie führen zum Ausverkauf und zerstören die Binnenwirtschaft. Die Folge ist, dass dort faktisch eine Deindustrialisierung stattfindet und eine wirtschaftliche Abhängigkeit von den Industriestaaten.
    Um das zu verändern brauchen wir wieder eine Wirtschaftstheorie, die das Ganze im Fokus hat und der Wirklichkeit gerecht wird, also „echte“ Volkswirtschaft auf empirischer Basis. Und um diese wieder in den Vordergrund zu rücken muss uns endlich mehrheitlich bewusst werden, dass die heutige Wirtschaftstheorie von Lobbyeinheiten („Think-Tanks“) dominiert wird und es längst bessere Theorien gibt. Auch das Werte-Siegel wäre eine gute Maßnahme, um den lokalen und globalen Wohlstand auzuweiten.
  4. Klimawandel. Man geht davon aus, dass bis 2050 ca. 200 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil sie dort aufgrund von klimatischen Änderungen und Katastrophen nicht mehr leben können. Erwin Pelzig meinte, man sollte diese Flüchtlinge nach dem Verursacherprinzip verteilen. Also bekommen die, die den größten Anteil am Klimawandel haben auch die meisten Flüchtlinge [Pelzig hält sich vom 8.9.15].
    Es wäre längst notwendig, auf nachhaltige Energieversorgung wie Wasserstoff, Wind und Solar umzustellen statt Kriege um Erdöl zu führen.

Rechtsradikalismus

Auch in unserem Land gilt: All die Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden, die in Armut leben und die keine Perspektive haben, sind der Ausgangspunkt für radikale politische Gesinnungen. Man kann nicht ganzen Bevölkerungsschichten ihre Perspektiven nehmen, so wie es Schröders und Merkels Politik tut, und anschließend Sonntagsreden gegen Rechtsradikale führen. Schröder und Merkel sind mit ihrer Politik verantwortlich dafür, dass 50% der Bevölkerung in Deutschland nur 1% des Gesamtvermögens haben, dass Bildung von der sozialen Herkunft abhängt, Löhne unter Existenzminimum gezahlt werden und viele keine Zukunftsperspektive mehr haben.

Als wichtigste Aufgabe des Staates sehe ich die, das Individuum zu schützen und ihm die Möglichkeit zu bieten, sich zur schöpferischen Persönlichkeit zu entwickeln.

Albert Einstein

Merkel hat ebenfalls die „Anti-Terror-Kriege“ unterstützt, die eine wichtige Ursache für die jetzigen Flüchtlingsströme ist. Sie und Schäuble verhindern, dass die Bevölkerungen Griechenlands, Portugals, Spaniens u.v.a. eine echte Perspektive haben und sie sind daher in hohem Maß mitverantwortlich für die politische Radikalisierung dort. All das haben wir schon einmal in den 1920er Jahren gesehen. Ein Hitler wäre niemals auch nur in die Nähe von Macht gekommen, wenn nicht die Politiker der Weimarer Republik und der Allierten eine Situation geschaffen hätten, in denen einige sich alles nehmen und die Mehrheit der Bevölkerung verelendet.

Auch hier landen wir wieder bei Werten. Wenn Konkurrenz und Profit die tragenden Werte der Weltpolitik sind, dann ist die Konsequenz daraus die Unterdrückung anderer. Wenn wir jemals zu einer friedlichen Welt in allgemeinem Wohlstand kommen wollen, dann müssen die Werte Kooperation und Solidarität ein stärkeres Gewicht haben als Konkurrenz. Und das geht nur, indem immer mehr Vertrauen aufgebaut wird. Ein Klima von Angst kann nur zum Versuch führen, sich gegenseitig zu unterdrücken und zu bekämpfen. Ein Klima von Vertrauen reicht die Hand und hilft all jenen, die sich heute genötigt sehen, zu kämpfen oder zu flüchten, eine Perspektive für ein gutes Leben zu haben – dort, wo sie leben.

 

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About CU_Mayer

Über den Autor Nach Beginn im kaufmännischen Zweig studierte Dipl.-Ing. (FH) Christoph Ulrich Mayer, geboren 1968 in Krumbach (Schwaben), Nachrichtentechnik. Er arbeitete mehrere Jahre als Ingenieur und Projektleiter, bevor er sich 2001 mit Ingenieur-Dienstleistung, Unternehmensberatung & Coaching selbständig machte. Seit ca. 15 Jahren arbeitet er als Systemischer Coach. In dieser Zeit lernte er die unterschiedlichsten Denkweisen und Wertesysteme, auch anderer Kulturen, kennen und entwickelte somit einen Weitblick für gesellschaftliche Zusammenhänge. Durch die Beratungsarbeit in Unternehmen kennt er zudem viele Hintergründe, die die Wirtschaftsprozesse besser verstehbar machen. In jahrelanger intensiver Arbeit verfasste er das Buch "Goodbye Wahnsinn - vom Kapitulismus und Kommunismus zum menschenGerechten Wirtschaftssystem". Auf unorthodoxe Weise setzt er sich mit Lehren von Adam Smith bis Karl Marx und mit Sichtweisen von Norbert Blüm bis Sarah Wagenknecht auseinander. Sein Anliegen ist, mit seinen Erkenntnissen und Lösungen zu zeigen, dass wir eine bessere - eine nachhaltigere - Zukunft wählen können.

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