Betriebswirtschaft

Scheuklappen-Betriebswirtschaft darf nicht die Gesellschaft bestimmen – wie schaffen wir den Übergang zu einem nachhaltigen Wirtschaften?

In einem hervorragenden Artikel beschreibt Daniel Deimling (Hochschule Heilbronn) die Unterschiede zwischen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Zielen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund steht, für die es Sinn macht „Ressourcen auszubeuten, durch den Produktionsprozess Naturkapital irreversibel zu zerstören, die Lebensdauer von Produkten künstlich zu verkürzen (geplante Obsoleszenz), wissentlich Produkte zu verkaufen, die gesundheitliche Risiken bergen oder keinerlei Nutzen haben.“ Jedoch „die volkswirtschaftliche Dimension betrifft die Frage, ob ein Gut die Lebensqualität und den Wohlstand einer Gesellschaft steigert oder verringert.“ [Makroskop]. Diese Zieldifferenz betrifft auch viele wirtschaftliche Größen wie Lohnhöhe oder Schulden. Jeder möchte Überschüsse erzielen, aber das geht mathematisch nicht, weil jeder Überschuss gleichzeitig das Defizit eines anderen Marktteilnehmers ist usw.

Das Dielemma ist nun, dass die Vereinigung der Zielsetzung bisher durch die Gesetzgebung stattfand und die Bemühungen, dies zu unterbinden, immer stärker werden. Das gipfelt in den Freihandelsverträgen, wo jeder Gesetzgeber mit Milliardenklagen über entgangene Gewinnchancen rechnen muss, wenn er durch ein Gesetz eine gesamtwirtschaftliche oder gesamtgesellschaftliche Regel aufstellt, die die Gewinnmaximierung Einzelner behindern könnte.

Betriebswirtschaft

BB TH Nürnberg Quelle: Aarp65 @ WikiCommons

Deimling kommt zu dem Schluss und Aufruf: „Die Ausblendung der gesellschaftlichen Folgekosten unternehmerischer Gewinnerzielung ist eine in den Grundlagen und Grundbegriffen der Betriebswirtschaftslehre angelegte gigantische Bilanzfälschung, ein Selbsttäuschungsmanöver über die vermeintlichen Erfolge unternehmerischen Handelns. Unternehmen und ihre Produkte dürfen nicht nur eine betriebswirtschaftliche Funktion erfüllen, sie müssen eine gesamtwirtschaftliche Funktion erfüllen. Alle bisherigen Versuche, betriebswirtschaftliche Ziele stärker auf gesamtwirtschaftlich und gesellschaftlich erwünschte Zwecke auszurichten, müssen in Anbetracht der fortschreitenden ökologischen Zerstörungen durch die Einzelwirtschaft als unwirksam angesehen werden. Es ist daher höchste Zeit, die obsolete Trennung von volks- und betriebswirtschaftlichen Zielen zu überwinden.“

Das kann nur unterstützt werden.

Ein Weg, der ohne Gefahr gegangen werden kann

Ein Weg, wie diese gesamtgesellschaftliche, ethische und gesamtwirtschaftlichen Ziele vereint werden können ist, beim Produktverkauf auf Transparenz und die richtigen Areize zu setzen.
Von allen Märkten hat der Kernmarkt, also der Produktverkauf, am meisten Einfluss auf konkrete Ethik in Unternehmen und Lebensqualität. Wenn Kunden das Produkt kaufen, in dem garantiert angemessene Arbeitsbedinungen, faire Löhne, bestmögliche Umweltschutzmaßnahmen, ressourcenschonendste Produktkonzeption usw. stecken, dann werden genau die Unternehmen am meisten Umsatz und Gewinn machen, die das verkörpern.

Wie verändern wir das? Nun, im Grunde ist das nichts Neues. Entweder der Gesetzgeber greift ein und schreibt zu allen Themen und Details etwas vor, z.B. welche Stoffe eingesetzt werden dürfen, dass Glühbirnen über 60W nicht mehr verkauft werden dürfen oder Mindestlöhne.

Oder wir machen jedem Kunden beim Kauf transparent, was er da kauft, was er damit fördert und wir verteuern unethisches verhalten. Und in Ansätzen tut man das heute schon durch Kennzeichnungspflicht und verschiedene Siegel wie das Biosiegel.

Was bisher existiert ist aber nicht konsequent genug. Wenn wir wollen, dass die betriebswirtschaftlichen Ziele sich an den gesamtgesellschaftlichen Zielen ausrichten, brauchen wir ein universelles Siegel, das sich an allen relevanten gesellschaftlichen Werten ausrichtet und durch das alles verteuert wird, was nicht diesen Werten entspricht. Und das wirklich vertrauenswürdig ist.

Das geht so:

  • Es wird ein Werte-Siegel geschaffen (hier eine Kurzbeschreibung).
  • Die Werte werden durch die Bevölkerung in ihrer Priorität bestimmt. Das kann in einfacher Form geschehen, indem Kontraste gegeneinander abgewogen werden – hier eine Umfrage zu den Werten und hier das bisherige Ergebnis bzw. das Ergebnis bis 2014.
  • Durch (wirklich) unabhängige Experten werden Kriterien festgelegt, die die Umsetzung der Werte sicherstellen.
  • Evtl. wird über die vorgeschlagenen Kriterien in Paketen durch die Bevölkerung abgestimmt. Es handelt sich da nicht um eine politische Wahl, also könnte man das vereinfacht durch Online-Abstimmungen durchführen.
  • Auf jedem Produkt ist entweder über eine „Ampel“ (rot, gelb, grün oder Gold-, Silber- , Bronze- für den Erfüllungsgrad der Werte) oder über eine Punktzahl angegeben, wie gut das Produkt die gesellschaftlichen Werte erfüllt und fördert.

Wir können den Effekt noch verstärken, indem wir den Mehrwertsteuersatz an die Werteerfüllung koppeln. Wer mehr Umweltschutz betreibt und höhere Löhne zahlt hat mehr Kosten und daher heute einen Wettbewerbsnachteil. Wir sollten das umkehren, und zwar durch folgende Staffelung:
Gold-Siegel: 7% MWSt.
Silber: 14% MWSt.
Bronze: 21% MWSt.
Kein Sigelgrad erreicht: 100% MWSt. (entspricht Preisverdopplung)

In dem Moment wo wir das umgesetzt haben, dient die Wirtschaft tatsächlich dem Gemeinnwohl und die Wirtschaft wird zukunftsfähig – auch was Natur, Ressourcen und Mensch anbelangt. Jeder Betrieb wird sich um die Verwirklichung der gesellschaftlichen Werte bemühen, schlicht weil das dem Betrieb, seinen Inhabern, Geschäftsführern und Mitarbeitern den höchsten Wohlstand sichert.

Wie schaffen wir den Übergang zu nachhaltigem Wirtschaften?

Die Frage lässt sich jetzt einfach beantworten: Wir ergänzen das jetzige Wirtschaftssystem mit etwas Besserem. Das Bessere wird sich dann durchsetzen, ohne dass wir irgendetwas Radikales tun müssen. Wohlstand in bisheriger Form bleibt erhalten und wird nun in Richtung echten Wohlstands für Alle gelenkt. Alles was es dazu braucht, ist der politische Wille. Und der wird dann entstehen, wenn Druck aus der Bevölkerung kommt.

 

 

Anhang: Produktivitätsfaktoren sind nicht Kapital, Arbeit und Boden

Zu erwähnen wären auch noch die Produktivitätsfaktoren. Laut klassischer Lehre sind Arbeit, Kapital und Boden die Produktivitätsfaktoren, die den Kern unseres Wirtschaftssystems ausmachen. Auf Betriebsebene kann man das so sehen. Mit Kapital werden Maschinen gekauft, sie steigern die Produktivität, wenn sie zur betriebsinternen Arbeit verwendet werden.

Insgesamt aber ist diese Darstellung illusorisch. Denn die einzige Quelle von Innovation und damit auch von Produktivität ist menschliche Intelligenz. Die Umsetzung der Produktivität der Ideen in Produktivitätsmittel ist Arbeit, die von Mensch und Natur erbracht werden. Kapital kann dafür bestenfalls ein Vermittler sein. Niemals aber die Quelle. Die Produktivitätsfaktoren sind also Mensch, Natur und natürliche Ressourcen wie Boden und Bodenschätze. Und der dazugehörige Rahmen, wie Schutz durch Gesetze und Ordnung, Geeignete Organisationsformen, Methoden, Wissen, Fertigkeiten usw.

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About CU_Mayer

Über den Autor Nach Beginn im kaufmännischen Zweig studierte Dipl.-Ing. (FH) Christoph Ulrich Mayer, geboren 1968 in Krumbach (Schwaben), Nachrichtentechnik. Er arbeitete mehrere Jahre als Ingenieur und Projektleiter, bevor er sich 2001 mit Ingenieur-Dienstleistung, Unternehmensberatung & Coaching selbständig machte. Seit ca. 15 Jahren arbeitet er als Systemischer Coach. In dieser Zeit lernte er die unterschiedlichsten Denkweisen und Wertesysteme, auch anderer Kulturen, kennen und entwickelte somit einen Weitblick für gesellschaftliche Zusammenhänge. Durch die Beratungsarbeit in Unternehmen kennt er zudem viele Hintergründe, die die Wirtschaftsprozesse besser verstehbar machen. In jahrelanger intensiver Arbeit verfasste er das Buch "Goodbye Wahnsinn - vom Kapitulismus und Kommunismus zum menschenGerechten Wirtschaftssystem". Auf unorthodoxe Weise setzt er sich mit Lehren von Adam Smith bis Karl Marx und mit Sichtweisen von Norbert Blüm bis Sarah Wagenknecht auseinander. Sein Anliegen ist, mit seinen Erkenntnissen und Lösungen zu zeigen, dass wir eine bessere - eine nachhaltigere - Zukunft wählen können.

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