Was hat die aktuelle Flüchtlingssituation mit Nachhaltigkeit zu tun?

Was hat die aktuelle Flüchtlingssituation mit Nachhaltigkeit zu tun?

Heimat ist für uns alle sehr wichtig und bildet die Basis unseres Lebens. Heimat bedeutet Wurzeln, Kultur und Gemeinschaft. Bei Einstellen eines Heimatgefühles fühlen wir uns wohl. Freiwillig wird kein Mensch seine Heimat verlassen oder den Platz, den er für sein Leben gewählt hat. Wir machen uns dann auf den Weg, wenn uns Umstände dazu zwingen. In der westlichen Welt besitzen wir viel Freiheit, unseren Platz zu wählen und können frei reisen und uns in der Welt bewegen. In vielen Teilen der Erde besteht diese Freiheit nicht. Es fehlen meist alle Voraussetzungen für eine individuelle Lebensplanung. Was kann nun Menschen bewegen, sich auf eine lange und gefährliche Reise zu machen, in der sie sogar akzeptieren müssen, diese Reise nicht zu überleben?

Menschen verlassen ihren Platz oder ihr Land, wenn sie befürchten, dort zu sterben. Permanente Kriegshandlungen oder Terror treiben sie dazu. Ein anderer Grund ist, dass sie dort aus klimatischen Rahmenbedingungen dauerhaft keine Perspektive mehr sehen. Es ist dort so heiß, dass alles vertrocknet. Wasser wird zur Mangelware. Der Eigenanbau fällt weg und Lebensmittel stehen nicht mehr zur Verfügung oder man kann sie sich nicht leisten. Oder das Meerwasser steigt an und die Bewohner laufen Gefahr, überflutet zu werden. Ein weiterer Grund kann sein, dass in dieser Region so viele Menschen leben und so ungünstige Ausgangsbedingungen vorliegen, dass eine grenzenlose Armut herrscht. Für alle ist klar, dass es immer schlimmer werden muss und keine Besserung in Sicht ist. Das Überleben ist damit ebenfalls auf mehreren Ebenen gefährdet.

Was hat das mit uns zu tun?

Diese Gründe kennen wir alle. Wir lesen sie in der Zeitung, hören sie im Radio und lauschen Talkshows. Doch was hat das mit uns zu tun? Und was hat es mit Nachhaltigkeit zu tun? In den letzten Jahrzehnten haben wir zu stark einem kapitalistischen System Folge geleistet und Geld zum Maß aller Dinge erkoren. Gut war alles, was Rendite brachte. Je billiger der Preis wurde, desto besser für uns alle. Wir haben nicht genau überlegt und hinterfragt, was dies am Ende für Konsequenzen mit sich bringen muss. Wir haben akzeptiert, dass alle Regierungen Waffengeschäfte tätigen. Die Kriege, die damit angezettelt und befeuert wurden, waren weit von uns weg und haben uns nicht berührt. Die Tropenhölzer, die abgeholzt wurden und die Fabriken, die in Asien die Luft verpesten, sind ebenfalls weit von uns weg und haben nichts mit uns zu tun. Aktiengesellschaften, die in Afrika das Wasser kontrollieren und erfolgreich vermarkten, machen Aktionäre glücklich und haben vermeintlich nichts mit uns zu tun. Wir spüren zwar immer stärker den Zeitdruck und leiden unter Personalabbaumaßnahmen, um die Rendite für die Kapitaleigner immer noch weiter zu steigern. Wir meinen, dass wir diesen Preis bezahlen müssen und dass es dies wert sei. Wir registrieren zwar, dass die Menschlichkeit weltweit auf der Strecke bleibt. Doch noch ist der Druck nicht so stark, dass wir als Gesellschaft die Verantwortung für ein besseres System in aller Konsequenz übernehmen.

Doch jetzt machen sich die Menschen, mit denen unser Verhalten wirklich etwas zu tun hat, auf einen langen und todesgefährdeten Weg. Und zwar nicht nur einige Menschen, sondern auf einmal ganz viele Menschen. Weil jetzt viele Menschen erkennen und akzeptieren müssen, dass sie in ihren Heimatgebieten nicht mehr länger leben können. Jetzt stehen diese Menschen an unseren Grenzen, an unseren Bahnhöfen und leben in unseren Orten. Jetzt auf einmal hat es wirklich etwas mit uns zu tun. Die Auswirkungen unseres Verhaltens der letzten Jahrzehnte sind auf einmal bei uns angekommen. Einige haben es kommen sehen. Aber es liegt in der Natur des Menschen, dass er Dinge, die nicht wirklich real für ihn sind, meist wegschiebt und sich davon nicht wirklich berührt fühlt. Nur wenn etwas ganz konkret bei uns persönlich wirkt, dann ist es ein Thema für uns. Die Verbindung zur Nachhaltigkeit besteht für mich darin, dass unser nicht nachhaltiges Verhalten diese Situation verursacht hat. Würden die Menschen auf der ganzen Welt in einer nachhaltigen Art und Weise gepaart mit einem weltübergreifenden Wertekodex leben, gäbe es diese Situation nicht.

Welche Perspektiven gibt es?

Was kann eine mögliche Perspektive sein? Die Bevölkerung dieser Erde dürfte die nächsten 40 Jahre noch einmal um ca. 2-2,5 Mrd. Menschen zunehmen. Bedeutsam ist, dass diese Zunahme vor allem in Asien und in Afrika stattfindet. Also genau in diesen Regionen, die die eingangs geschilderten schwierigen Rahmenbedingungen aufweisen. Es spricht also viel dafür, dass sich die Flüchtlingsthematik nicht als kurzes Intermezzo darstellen wird, sondern uns noch Jahrzehnte begleiten und fordern dürfte.

Ist dies nun ein Krisenszenario und wie gehen wir damit um? Ich persönlich halte dies für eine der ganz großen aktuellen Herausforderungen der Menschheit. Es ist ein Thema, das uns alle angeht und zwar weltweit. Kein Staat und kein Bürger wird sich dieser Verantwortung entziehen können. Solche Herausforderungen gab es immer wieder in der menschlichen Geschichte. Wir Menschen hatten bisher immer die Kraft und die Fähigkeit, diese Situationen erfolgreich zu meistern. Das sollte uns stark machen und Vertrauen und Glauben wachsen lassen, dass wir auch diese Herausforderung erfolgreich bewältigen. Aber auf Dauer nicht als isoliertes Deutschland. Auch nicht alleine als ein immer mehr zusammenwachsendes Europa. Sondern nur als „solidarische Weltengemeinschaft“, in der wir alle gemeinsam die Verantwortung für diesen Planeten übernehmen. Und nicht von anderen etwas fordern, wozu wir selbst nicht zu leisten bereit sind. Das Wort Krise bedeutet in mehreren Sprachen auch gleichzeitig das Wort Chance. Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass wir es schaffen. Es gibt in diesem Fall auch wirklich keine Alternative dazu. Die Chance der Menschheit liegt in einem neuen Evolutionsschritt. Wir können vom „Ich“ zum „Wir“ denken, handeln und fühlen und damit eine neue Qualität menschlichen Zusammenlebens kreieren. Im Moment geht es darum, unsere Herzen sprechen zu lassen und couragiert zu handeln. Für ein engagiertes menschliches Verhalten von deutschen Bürgern an vielen Orten und allen voran in München wird Deutschland im Moment von Bürgern in aller Welt bewundert.

Ein Element der Lösung liegt auch darin, unsere wirtschaftlichen und geldpolitischen Handlungen zu überdenken und neu zu definieren. Die Fokussierung auf den Preis und auf das Geld als das Maß aller Dinge hat uns in die aktuelle Lage gebracht. Nur ein ganzheitlicher Blick auf alle Lebensbereiche und die Auswirkungen darauf wird uns wieder in eine gesunde Balance bringen und ein gelingendes Leben für alle Menschen auf diesem Planeten gewährleisten. Diese Erde hat Raum und Nahrung für uns alle, wenn wir es lernen, damit pfleglich und menschenwürdig umzugehen. Dies sind wir uns und nachfolgenden Generationen schuldig. Dafür stehe ich persönlich ein und deshalb engagiere ich mich in der Lokalen Agenda 21 in Augsburg!

September 2015 Rupert Bader

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About Rupert Bader

Über den Autor Rupert Bader ist 1964 geboren, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Über 30 Jahre war er in der Bankenwelt tätig, zuletzt eine Dekade als Direktor bei einer Privatbank. 2014 hat er gekündigt und ist jetzt Unternehmer. Seit einigen Jahren engagiert er sich für die Lokale Agenda 21 in Augsburg und vertritt dort mit Gleichgesinnten das Forum Fließendes Geld. Zudem ist er Vorstand von Oeconomia Augustana, einem gemeinnützigen Verein, der nachhaltiges und gelingendes Leben in der Region fördern und unterstützen möchte. Rupert Bader: „Dies ist mein erster Beitrag in einem Blog. Die Artikel über ein mögliches Bargeldverbot haben mich so berührt, dass ich zu solchen einschneidenden Vorhaben nicht schweigen kann.“ www.oeconomia-augustana.org http://www.nachhaltigkeit.augsburg.de/agendaforen/forumfliessendes-geld.html

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